Integrated Reporting – Rückschritt oder Fortschritt?

Eigentlich unglaublich – die Vorgaben fürs Reporting von Finanzkennzahlen sind seit 80 Jahren praktisch gleichgeblieben. Was sich sehr wohl geändert hat ist das Umfeld, in dem Unternehmen agieren – und die Risiken, mit denen sie konfrontiert sind. Dazu gehören auch gesellschaftliche und ökologische Risiken – vor allem entlang der Wertschöpfungskette.

Um als Investor diese Risiken vollinhaltlich zu verstehen, macht die Integration der „non-financials“ in die finanzielle Berichterstattung viel Sinn. Dieses „Integrated Reporting“ soll in einem Bericht die wesentlichen Themen, die für die zukünftige Performance eines Unternehmens wesentlich sind – also finanzielle Daten genauso wie präzise Informationen zum Management, der Governance und der Nachhaltigkeit bzw. der Verantwortung – zusammenführen.

Soweit so g’scheit.

Seit der International Integrated Reporting Council IIRC im Frühjahr 2013 den „Consultation Draft für Integrated Reporting“ veröffentlichte, wird Integrated Reporting von vielen als DIE Revolution der Unternehmensberichterstattung und der Nachhaltigkeitsberichterstattung gefeiert.

Am lautesten – so scheint es – jubeln dabei die Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Denn sie mussten sich in den vergangen Jahren den Kuchen bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung mit zahlreichen Sustainablility-Experten und –Beratern teilen. Durch Integrated Reporting wird diese – oft viel visonärere – Konkurrenz zunehmend ausgebremst.

Viele Unternehmen wiederum sind ebenfalls begeistert – sie hoffen auf höhere Effizienz bei der Berichterstattung oder setzen darauf, dass der bereits jetzt existierende Lagebericht quasi schon als integrierter Bericht gilt.

Die ausgerufene Revolution gilt vielleicht für die finanzielle Berichterstattung. Aber was bedeutet diese Entwicklung nun wirklich für das Thema Verantwortung? Was bedeutet sie für die Qualität und Tiefe, mit der sich Unternehmen mit ihrer Verantwortung für ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft auseinandersetzen und darüber berichten? Führt sie wirklich zu mehr Transparenz? Oder gar Glaubwürdigkeit?

Es sind drei Faktoren, die aus ethischer Sicht ausschlaggebend sind und mit denen sich jeder auseinandersetzen sollte, bevor er bzw. sie sich entscheidet. Sie basieren einerseits auf unserer Erfahrung sowohl bei der Betreuung von Unternehmen im Reporting als auch auf der kritischen internationalen Reflexion.

Faktor 1: Die Zielrichtung: Geht es um die Unternehmens-Auswirkungen oder die finanzielle Wertschöpfung?

Der Global Reporting Initiative GRI ist mit der aktuellen G4-Version ihres Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung eine große Verbesserung in Richtung mehr Glaubwürdigkeit gelungen – durch den Fokus auf Prozesse und Wesentlichkeit. Als wesentlich gilt bei G4, was signifikante ökonomische, ökologische und gesellschaftlich Einflüsse der Organisation reflektiert oder Aspekte bei denen die Organisation maßgeblichen Einfluss auf die Beurteilungen und Entscheidungen von Stakeholdern hat’. Der IIRC bietet eine andere Definition: ‚information about matters that substantively affect the organization’s ability to create value over the short, medium and long term.

Das ist schon ein gewaltiger Unterschied: Während es bei G4 tendenziell eher um das Management der Auswirkungen für eine positive Entwicklung geht, fokussiert IR auf jene Themen, die die finanzielle Wertschöpfung beeinflussen könnten.

Faktor 2: Die Zielgruppe: Wer steht wirklich im Mittelpunkt?

GRI G4 richtet sich an alle Stakeholder eines Unternehmens. Und diese wollen eine positive nachhaltige Entwicklung. Integrated Reporting richtet sich an die Finanzinvestoren. Ohne ihnen etwas unterstellen zu wollen – sie wollen Unternehmen, die Geld machen. Also wie wichtig sind ihnen dann nicht-finanzielle Aspekte tatsächlich?

Faktor 3: Die Verantwortlichen: Wer konzipiert und schreibt den Report in Zukunft?

Während Nachhaltigkeitsberichte meist von Nachhaltigkeits-Verantwortlichen verfasst werden, werden Integrierte Berichte wie auch Unternehmensberichte primär von Investor-Relations-Verantwortlichen geschrieben werden.Und deren Fokus ist nun mal der Finanzmarkt.

Fazit

Aus Sicht der Unternehmensberichterstattung kann Integrated Reporting ein wichtiges Tool sein, um Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie zu integrieren.

Aus Sicht der Nachhaltigkeitsberichterstattung kann Integrated Reporting auch einen Rückschritt bedeuten:Denn wenn man sich dem Informationsbedarf von Finanzinvestoren unterordnen muss wird viel von dem was puncto Nachhaltigkeit und Verantwortungsübernahme in Unternehmen erreicht wurde, weniger wesentlich.

Wie es ausgehen wird, wird man wohl erst in einigen Jahren sehen – derzeit ist der internationale Diskurs noch sehr ergebnis-offen.

Anfang Oktober spricht Robert Eccles, Harvard Business School, über Integrated Reporting im Rahmen der CSR-Konferenz in Berlin.

Mal sehen, was er dazu sagt.

Barbara Coudenhove

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