Berlin 2016 – ein Resümee

Von Gabriele Faber-Wiener

Verantwortung in einer digitalen Gesellschaft – das war das Querschnittsthema der 7. Internationalen CSR-Konferenz von 14. – 16. September 2016 in Berlin.

Hier einige Themen, Wortmeldungen und Gedanken dazu.

Stakeholder Engagement als Lösung

Egal ob bei der Vortragsreihe über Fair Fashion oder in der Keynote Speach von Timotheus Höttges, CEO der Deutschen Telekom: Diskurs und Diskussion ist DER Lösungsansatz, um zu ernsthaften Lösungen zu kommen. Nur – wie soll der aussehen und wie weit kann und soll ein Unternehmen dabei gehen? Da waren sich viele nicht klar.

NGO-Bedeutung nimmt ab

Eindeutig war hingegen die Grundtendenz, dass die herkömmliche Aufteilung der Sektoren und Mächte in unserer Gesellschaft – Unternehmen, Zivilgesellschaft und Politik sowie den Medien als Korrektiv – so nicht mehr funktioniert. Vor allem NGO haben nach Ansicht einiger Redner, unter ihnen Simon Zadek, bekannter Vordenker und Vize-Direktor der UNEP Inquiry, im Lauf der letzten 10 Jahre viel an Glanz und Gewicht eingebüßt – was aber nicht nur an den Organisationen selber liegt, sondern mindestens so sehr an den geänderten Rahmenbedingungen.

Shared Value – eine Falle?

Das Konzept von Shared Value, Porter/Kramers Ansatz für Unternehmen, soziale Probleme als Marktchance zu sehen, ist bereits weit verbreitet – aber bei näherem Nachdanken erkennen doch so einige dass es nicht unbedingt zielführend ist wenn es um ernsthafte Systemveränderungen geht. Im Gegenteil, Unternehmen treiben sich sogar selber in die Ecke wenn sie immer mehr an sich den Anspruch erheben, gesellschaftliche Aufgaben übernehmen zu wollen. Denn sie übernehmen dann Aufgaben die weder ihrer Aufgabe noch ihrer Kompetenz entsprechen – und können sie dann nicht erfüllen. Das führt dann letztlich zu Kritik und Misstrauen von seiten der Konsumenten und kritischen Stakeholder – das war eine der Haupterkenntnisse einer spannenden Expertendiskussion rund um Verantwortung und Kommunikation, deren Ergebnisse im CSR-Guide 2017 (erscheint Jänner 2017) publiziert wird.

Digitale Kommunikation als Chance

Noch sehen wir die Digitalisierung vorwiegend als technische Erneuerung. Das ist der Tenor vieler Experten. Welche Möglichkeiten digitale Interaktion bietet wenn es darum geht, neue und nachhaltige Lösungen zu finden ist noch nicht wirklich durchgedrungen. Elaine Cohen, Gründerin von Beyond Business und Buchautorin bringt es auf den Punkt: „Digitalisierung ermöglicht uns, Menschen in einer Form zu erreichen wie nie zuvor.“ Es gibt uns die Chance, ganz anders zu Lösungen zu kommen – die Bandbreite dazu ist unerschöpflich – sie reicht von neuen Ideen und Produkten bis hin zu neuen Formen der Finanzierung – kurz: Statt dabei an neue Kanäle und neue Technik zu denken, geht es um eine völlig neue Kommunikation und Kultur.

Auch die Ethische Dimension der Digitalisierung ist noch nicht wirklich erkannt bzw. anerkannt. Ed Freeman, Begründer der Stakeholder Theorie, bringt es in seinem Statement auf den Punkt: „Ethics hast to be in the center of our conversation“.

Ernüchternd war für mich – auch nach Jahrzehnten in dem Thema und einer dementsprechenden Abgeklärtheit – das rückständige CSR-Verständnis und damit echter Verantwortungsübernahme. So verkündete Kay Oberbeck, Kommunikationsdirektor von Google North Europe freimütig, keinen einzigen CSR-Beauftragten im Unternehmen zu haben – mit der Begründung dass es ja ohnehin eine eigene Foundation gäbe die sich um das Wohlergehen der Gesellschaft kümmere. Und das bei einem Unternehmen mit 60.000 MitarbeiterInnen.

Darauf kann man nur mit Karenina Schröder vom International CiviclSociety Centere– in anderem Zusammenhang gefallen – antworten: „We lost the nexus what is happening around us“ bzw. Ed Freemans starke wenn auch nicht neue Ansage: „We need to reframe business.“

„We walk around you if you don’t change“

Einer der größten Hebel dafür ist die internationale Finanzindustrie, wie Simon Zadek in einem eindrucksvollen Vortrag präsentierte. Green Investment ist – wenn auch noch vom Anteil her gering – so doch massiv im Ansteigen, und das weltweit, nicht nur im saturierten Norden. Sein klares Resumee: Herkömmliche Finanz-Institutionen sind „weder sicher noch stabil und schon gar nicht nachhaltig“. Das ins Gegenteil zu verkehren, aus einer Branche die sich von der Gesellschaft wegbewegt hat, einen Motor für eine nachhaltige Entwicklung zu machen, ist schwierig – aber machbar. Passiert das nicht von Seiten der großen Finanzinstitutionen, gibt es eine klare Ansage: „We walk around you if you don’t change“, was nicht mehr und nicht weniger bedeutet als dass die Menschen heute nicht mehr auf Banken angewiesen sind, um ihr Geld anzulegen – sie können das auch selber, mittels Crowdfunding u.a. Innovationen die uns digitale Kommunikation ermöglicht.

Misstrauen als Motor für Veränderung

Ein spannender Grundsatzgedanke kam ebenfalls von Simon Zadek, angesprochen auf das mangelnde Vertrauen in die Finanzbranche das man zuerst zurückgewinnen müsste: Misstrauen schafft viel eher positive Veränderungen als Vertrauen, denn es fungiert als Auslöser wie kein anderer – da ist was dran.

Der Weg dahin ist noch weit – von den ca. 250 Millionen Unternehmen weltweit sind nach Meinung von Richard Welford von CSR Asia gerade einmal 12.000 dem Global Compact, dem CSR-Programm der UNO beigetreten – was noch lange nicht bedeutet dass diese 12.000 verantwortlicher agieren als die anderen.

Menschenrechte als Business Case?

Für mich ebenso problematisch ist die permanente Wiederholung, dass man Unternehmen nur über den „Business Case CSR“ für verantwortliches Handeln gewinnen könne, dh. ich muss das ökonomische Potenzial von CSR-Maßnahmen betonen – sei es direkt durch Ressourceneinsparung oder indirekt durch produktivere MitarbeiterInnen oder durch erhöhte Reputation. Das stellt ManagerInnen ein schlechtes Zeugnis aus, denn es bedeutet nichts anderes als dass man sie nur durch die Karotte zu Verantwortungsübernahme bewegen kann. Das ist eine Annahme die ich absolut nicht teile, denn meiner Erfahrung nach reagieren ManagerInnen ebenso auf intrinsische Motive wie alle anderen Menschen auch.

Fazit: Ambivalenz

Die Bilanz der Konferenz: Viel Stoff zum Nachdenken, viele neue Gedanken und Ideen. Und: Die Situation rund um CSR ist ernüchternd und motivierend zugleich, genau wie die Digitalisierung selber: Man kann damit viel Schaden anrichten, aber auch viel Gutes bewirken. Hoffen wir dass letzteres überwiegt.